Wenn es um Solidarität mit gefangenen Kumpanen geht, erscheinen mir im Geiste leider nicht nur spannende Erzählungen und positive Erfahrungen. Über Solidarität zu sprechen ist licht simpel, weil es nicht einfach getrennt werden kann von allen anderen Ideen, die wir in unseren Herzen tragen und für welche wir kämpfen. Unter dem Gesichtspunkt dieses Abends, erscheint es mir jedoch als das Beste, die Diskussion speziell auf die Frage der Solidarität zu zu spitzen – auch wenn dadurch große Einschränkungen entstehen.
Solidarität also. Vielleicht ist es einfacher, mit dem Negativen zu beginnen. Es gibt zwei typische Reaktionen, welche immer wieder mitzuerleben sind, wenn Kumpanen eingeknastet werden, oder wir den heißen Atem der Repression in unserem Nacken zu spüren bekommen. Dies gilt nicht nur für Fälle, in denen die Repression größere Dimensionen annimmt, wie jene gegen die Kumpanen in Aachen, sondern auch für die kleineren, tagtäglichen Dinge, die wir tun und womit wir den Ordnungshütern in die Quere kommen. Es erscheint mir sinnlos, dass wir, wenn wir über Repression sprechen, einzig und allein an große “Taten” denken. Es geht eben so sehr um Freunde, die eingesperrt werden, weil sie Flyer verteilen.
Zum negativen Teil also. Nun, eine von den besten Verhaltensweisen um dem Staat zu helfen, ist zu schweigen über festgenommene Kumpanen und somit auch über ihren Kampf. Es besteht eine ganze Reihe von Ausfl üchten, die du dann jedesmal aufs neue zu hören bekommst.
Lasst uns beginnen mit der Behauptung, dass die in Frage gestellte Person nicht hinter dem steht, was die verhafteten Kumpanen getan haben. Oft wird dabei auf das zurückgegriffen, was das Gericht und die Medien erzählen, welche uns jedoch als eher schlechte Ratgeber erscheinen, wenn es darum geht, was nun gerade passiert ist. Ein einfaches Beispiel: Letztes Jahr überfi el die Polizei die besetzte Villa Squattus Deiin Leuven. sie erklärte in der Presse, dass es sich dabei um Drogendelikte gehandelt habe. Später mussten wir hie und da zu hören bekommen, dass gewisse Menschen sich weigerten nach Leuven zu gehen oder damit in Kontakt zu kommen, weil es dort um Drogendelikte ginge. Es liegt auf der Hand, dass der Einfall in der Villa Squattus Dei motiviert war durch den Fakt, dass es ein Platz von Agitation war, wo viele Menschen sich trafen und Pläne schmiedeten. Dass die Polizei dafür einen Vorwand
benötigte und dies in der Presse als Grund für ihren Einbruch angab, ändert nichts an der Tatsache, dass es um Repression gegen Freunde geht, aufgrund ihrer Ideen und ihres Kampfes.
Die Reihe an Ausreden geht auch weiter, wenn es um eingesperrte Kumpanen geht, die ihre Taten deutlich in ihrem Kampf gegen das System platzieren und deren Weg des Streites Bänder sprechen. Einige machen es sich einfach, sich aus der Affäre zuziehen, mit Bemerkungen wie: “Och, aber derjenige hat doch jemanden gegeißelt, jemanden zu geiseln ist doch nicht anarchistisch?! Derjenige ist somit kein Anarchist, kein Kumpane und ist eigentlich auch nie ein Kumpane gewesen.” Auf diese Weise wird der Kumpane einfach so über Bord geschmissen und jede Bereitschaft, sich mit anderen Perspektiven auseinander zu setzen oder eine kritische Debatte über Metho den zu führen, abgeschlossen.
Menschen schweigen dann über die eingesperrten Kumpane, weil sie ja doch keine Kumpanen sind. Die Chance, dass diejenigen Menschen eine so kritische Moral ihrem eigenen Leben gegenüber entgegenbringen (ihren täglichen kleine Kompromissen, ihrem Konsum, dem hartnäckigen Fortbestehen von Autoritäten in unseren Beziehungen….) erscheint mir doch sehr gering.
Diese Desolidarisierung kann auch viel expliziter werden, indem Menschen durch ihr Schweigen und mit dem ausschließen jeglicher Diskussionen im Vornherein die festgenommenen Kumpanen isolieren. Genau wie der Staat mit seiner Repression Kumpanen im Knast isoliert. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und plappern die Staatspropaganda über den Unterschied zwischen “gut” und “schlecht” nach. Gute Anarchisten tun solche Dinge nicht. Die schlechten Anarchisten sind Gewalttäter die ein schlechtes Bild über den Anarchismus abgeben, der einzig und allein eine bessere Welt will. Dies ist gerade das, worauf der Staat aus ist: zuerst Anarchisten von den sozialen Konfl ikten abschneiden, indem er sie als Provokateure” hinstellt, sie isoliert indem er einige in den Knast bringt undschlussendlich den defi nitiven Schlag ausführt, indem innerhalb der anarchistischen (oder antiautoritären) Bewegung Spaltungen geschaff en werden zwischen “guten” und “schlechten”, zwischen “Gewalttätern” und “Pazifi sten”… Auf diese Weise werden die festgehaltenen Kumpanen nur noch mehr isoliert, wird das Projekt, welches sie in der Praxis ausgelebt haben, zunichte gemacht und ihnen am Ende jegliche Individualität und Ideen abgesprochen.
Lasst uns weiterhin vom Negativen ausgehen. Wenn die Repression ihre Klauen zeigt, gibt es immer Menschen die die “gefallenen” Kumpanen als Opfer hinstellen wollen. Vielleicht wirklich kämpferische Opfer, aber eben doch Opfer. So wie es eventuell auch ein bisschen bei den Festnahmen in Aachen passiert ist. Es ist sicher angebracht über das FIES-Isolationsregime zu sprechen, wogegen Gabriel und Jose so unaufhaltbar angekämpft haben. Dies ist ihr Gefecht. Dies ist der Kampf, den sie austragen, den Kampf gegen das Gefängnis. Woher kommt dann die Tendenz, die Tatsache, dass die, die unter dem FIES gelitten haben, als Grund dafür hinzustellen, dass sie versucht haben der besagten Polizeikontrolle zu entkommen? Es war ein Versuch um nicht zurück in die Hände der Bullen zu fallen. Und ich glaube, dass dies ein genügend großer Teil unserer anarchistischen Sichtweise ausmacht, um diesen Versuch zu unterstützen, oder? Wenn das FIES-Regime als dafür verantwortlich hingestellt wird, begeben wir uns in eine Richtung, in der Gabriel und Jose am Ende als Opfer des Systems dastehen. Opfer, weil sie bereits seit ihren Jugendjahren in den Einrichtungen des Staates eingebuchtet worden sind, Opfer weil sie so lange im Knast gesessen haben. Wenn wir nicht aufpassen, nehmen wir ihnen auf diese Weise ihre Ideen, ihren Kampf, indem wir es so auslegen, als ob alles nur eine natürliche Folge, eine Reaktion auf die Umstände war, die der Staat ihnen aufdrängt. Sollte gerade diese Zuversicht ihrer Entscheidung für die Konfrontation mit dem Gefängnis, ihr Drang nach Freiheit, ihre
antiautoritäre Überzeugung, uns nicht stärker machen? Sollte nicht gerade dies mehr Solidaritätsperspektiven eröff nen? Stehen sie uns nicht gerade deswegen viel näher?
Beginnt es von hier an nicht auch uns etwas anzugehen? Denn diese Kumpane sind keine Opfer, weder von der Repression, noch vom Knast.
Ab und zu bekommen wir auch zu hören, dass “jene Menschen es schlussendlich selbst zu verantworten hätten”. Sicher können wir über technische Aspekte einer Aktion diskutieren, aber um das geht es hier nicht. Es geht darum, dass man glaubt, dass Menschen durch ihre Entscheidung, dies oder jenes anzugehen, mit den Mitteln zu kämpfen, die ihnen rund um jenes Th ema als angebracht erscheint, sie es schlussendlich auch gesucht hätten. Diese Ansicht ist rundum reaktionär, im Sinne, dass sie jede Perspektive für einen Kampf früher oder später über Bord werfen kann, weil Repression letztendlich immer kommen wird und vorhanden ist. Die Erwartung an einen erfolgreichen Kampf ist nicht, dass keine Repression kommt. Auch nicht, dass Repression kommt. Wir können die Erwartungen nicht nach unserem Feinde richten. Schlussendlich ändert dies alles nichts am positiv-sein eines Kampfes. Nicht einmal
so sehr die Tat selbst oder ob die vorgenommenen Ziele erreicht wurden. die Bedeutung und der Wert eines Kampfes zeigt sich in dem Masse, indem er darin siegt, Verhaltens-
weisen zu verändern, mit anderen Relationen zu experimentieren, Kraft zu holen aus dem Spiel mit der Konfrontation, neue Wege zu entdecken…
Repression ist jederzeit politisch und somit sozial. Sie richtet sich gegen Ideen und Taten, die in diesem Moment durch die politische Macht unerwünscht sind oder möglicherweise schädlich sein können. In diesem Sinne richtet sie sich auch nicht dringend gegen alle Individuen, sondern gegen den Kampf, den sie austragen. Repression kommt dadurch selten als direkte Reaktion auf jede spezifi sche Tat, sondern ist viel eher das Resultat politischer Abwägungen. Ein Zug auf dem Schachbrett. Die Repression lässt dabei selbst eines ihrer eigenen Instrumente auf dem Wege zurück. Das Gesetz. Der Staat macht seine Berechnungen nicht so sehr auf der Basis, was legal oder illegal ist, sondern wie schädlich gewisse Taten und Ideen sein können – oftmals auf Grund von ihren möglichen sozialen Verbreitungen unter den Ausgebeuteten. Aus demselben Grund ist Repression ein soziales Ebenbild. Angesichts dieses Systems, welches basiert auf Privateigentum, kategorisiert der Staat Diebstahl als illegal. Jedoch bestraft er lange nicht alle Diebstähle und auch wenn es sich um dieselben Tatsachen
handelt, wird nicht an alle dieselbe Strafe erteilt.
Er macht stets politische und somit soziale Abwägungen darüber, wie er am Besten das Bestehen von Privateigentum am Leben erhält. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass jeder Diebstahl bestraft werden muss. Ein demokratisches Regime überlebt, indem Äußerungen von Unzufriedenheit und Widerstand beherrscht werden, ohne ihnen permanent mit dem Matrak zu Leibe zu gehen. Ein anderes Beispiel kann dies vielleicht in gewissem Masse verdeutlichen; Es gibt kein Zweifel, dass eine Anzahl Squats (sofern sie nicht legalisiert sind) doch in einer gewissen Weise toleriert werden, auch wenn es ein einfaches Spiel wäre, sie zu unterdrücken. Ich weiß nicht, ob wir vollständig begreifen können, warum der Staat gewisse Squats toleriert. Es ist bestimmt ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Ein Kräfteverhältnis kann Toleranz aufzwingen (im Fall von Belgien erscheint mir dies jedoch nicht sehr realistisch), vielleicht bevorzugt es der Staat, dass die Nervensägen alle an einem Ort hocken, vielleicht hofft er, dass wir uns dadurch in unseren Nischen zurückziehen und dass wir
das Kapital (seine Immobilien, seine Eigentümer, seine Banken, seine Läden…) nicht weiter angreifen, oder vielleicht hoff t er, dass wir uns mit Partys und Drogen selbst
zerstören….
Wir müssen nicht unser ganzes Leben damit verbringen, das Schachspiel der Repression zu entziffern versuchen. Dies erscheint mir nicht notwendig und noch viel weniger effektiv möglich, weil das Schachspiel der Repression nicht vollständig zu begreifen ist. Es ist nicht immer logisch, es überläuft an Komplexität und Kontradiktion, es wechselt fortdauernd. Was wir jedoch sehr wohl in unseren Händen haben, ist unser eigener Kampf. Diesem können wir mit unserer Vorstellung und Kreativität selbst Form geben. Wir sind es, die ihn beschließen und wir sind es auch, die ihn schlussendlich selbst ausführen. Die Repression einzuschätzen, sie versuchen zu begreifen, probieren ihr ein “Schrittchen voraus zu sein”, kann bestimmt sehr interessant sein und kann uns ab uns zu auch gute Resultate liefern. Aber dies kann und sollte nicht unsere primäre Beschäftigung sein. Wir sollten unseren Kampf nicht an der Repression abstimmen, weil es dann aufhört “unser” Kampf zu sein.
Es wird Zeit, das negative Terrain zu verlassen und darüber zu sprechen, wie Solidarität eine Waffe sein kann. Wir können unsere Solidarität auch als MittäterInnenschaft sehen, indem wir uns verbunden fühlen mit den festgenommenen Kumpanen, aufgrund ihres Seins, ihrer Ideen, die sie austragen und ihres Kampfes, den sie führen. Diese Solidarität wird uns selbst zu MittäterInnen an ihrem Kampf machen, den wir als den Unseren erkennen. Als Mittäter von Gabriel, Jose und Bart kann ich zum Beispiel etwas von meiner Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Gefängnisse richten. Im Moment ist dies in Belgien nicht so schwierig, angesichts der Reihen an Aufständen in den Gefängnissen, worin wir einfach unser eigenes Verlangen erkennen können. Diese Solidarität ist somit nichts anderes als eine Fortsetzung und Ausbreitung des Kampfes, wobei es nicht darum geht, den festgenommenen Kumpanen zu folgen oder sie zu imitieren. Es geht darum, auf eigene Weise die Konfrontation anzugehen, mit unseren eigenen Perspektiven, Methoden und Entscheidungen…
Auf diese Weise unterstützen wir den Staat nicht darin, die festgenommenen Kumpanen zu isolieren. Wir halten sie dicht bei uns und wir können sie selbst über die Mauern hinweg in den Kampf mit einbeziehen, den wir führen. Wir lassen sie nicht absondern, wir sprechen über sie, wir holen Inspiration aus ihren Ideen, wir diskutieren mit ihnen und kritisieren sie eben so gut, wie alle anderen auch. Denn diese Kumpanen sind keine Märtyrer, die über der Bewegung stehen und genauso wenig sind sie Sonderlinge, die unter der Bewegung stehen. Sie stehen zwischen uns.
Solidarität und MittäterInnenschaft sind nicht so sehr Druckmittel mit denen wir uns der Illusion hingeben, die RichterInnen während der Prozesse auf andere Gedanken zu bringen. Diese Feststellung muss uns nicht dringend pessimistisch stimmen. Wenn Solidarität bedeutet, festgenommene Kumpanen dicht bei uns zu halten und den Kampf fortzusetzen, dann brauchen wir uns nicht nach den Urteilen der Repression zu richten. Wo Solidarität wirklich mehr die Funktion eines “Druckmittels” bekommen kann, ist, indem wir helfen, ein Kräfteverhältnis innerhalb der Mauern aufzubauen. Zeigen, dass Kumpanen nicht isoliert sind, kann viele Wärter auf andere Gedanken bringen und unseren Kumpanen helfen, Banden zu schließen mit anderen
Gefangenen.
Schlussendlich denke ich jedoch, dass wir nicht immer auf die Spezifi tät einer bestimmten “Sache” hinweisen sollten. Es geht hierbei darum aufzuzeigen, dass sie, genau wie du und ich, einen Teil ausmachen in dem sozialen Konfl ikt worin der Staat einer unserer Feinde ist (und im Besitz der Waff e “Gefängnis” ist). Indem wir auf die Spezifi kation hinweisen, machen wir es oft schwieriger, Banden mit anderen sozialen Rebellen zu schließen und gerade darin liegt eine interessante Perspektive für Solidarität. Wenn wir über Solidarität mit festgenommenen Kumpanen sprechen, die sich dazu entschieden haben, die Safes einer Bank leer zu räumen, glaube ich nicht, dass wir sie als Opfer hinstellen müssen, die nicht genug Geld hatten. Ebenso wenig als mutige Helden, die sich getraut haben das Geld dort zu holen, wo es ist. Viel mehr geht es um die Tatsache, dass massenweise Menschen zu materiellem Elend gezwungen werden und, dass Diebstahl eine der Verhaltensweisen sein kann, um dem zu entgehen. Lasst uns über die Tatsache sprechen, dass Banküberfälle und Diebstähle seit jeher eine soziale Praktik der Ausgebeuteten gewesen ist. Und deswegen sind unsere Kumpanen nicht ein paar kecke Idioten, eine Ausnahme, sondern genauso Ausgebeutete wie an-
dere Ausgebeutete, die sich bewaff net haben: mit Rebellion und Überzeugung. Lasst uns also festgenommene Kumpanen dicht bei uns halten, uns selbst zu MittäterInnen machen an ihrem Streit und sie trotz der Mauern in unseren Kampf einbeziehen, während wir zur gleichen Zeit versuchen, eine Bande herzustellen mit allen anderen revoltierenden Ausgebeuteten, die auf ihre Weise kämpfen und ebenfalls mit Repression konfrontiert sind.
Dieser Text wurde auf Basis von Notizen geschrieben, welche an einem Diskussionsabend am 21. Sept 07 in Gent rund um die festgenommenen Kumpanen in Aachen, fest gehal-
ten wurden.
(publiziert in Uitbraak und La Cavale in Nr.10 November 07)